"Wenn es da auch Abdrücke, Übertünchungen und Unterstreichungen gibt, so liegt
das Wesentliche doch im Schürfen, im Nachforschen, im sorgsamen Ausgraben wie
bei archeologischen Untersuchungen, gleich einer Jagd nach versteckten
Erscheinungen zwischen zwei Schichten oder Ebenen." ,
Michel Butor, Schriftsteller.
"Diese Bilder rufen etwas ins Gedächtnis zurück, eine sanfte und kostbare
Erinnerung, eine ferne Ahnung..." ,
Jean Rouaud, Schriftsteller.
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aus Pierre Marie Brisson Yarger Arts Gallery, Beverly Hills, 2000
Michel Archimbaud: Pierre Marie Brisson, das erste, was man in diesem Atelier außer seines Ausmaßes bemerkt, ist die Qualität des Lichtes. Das ist sicherlich kein Zufall?
Pierre Marie Brisson: Nein, das ist eine bewusste Wahl. Die Entscheidung außerhalb von Paris zu leben, hat es mir erlaubt, über einen großen Raum zu verfügen. Ich denke, ein Künstler sollte sich bewegen, woanders hinschauen können, sich nicht auf einen Ort festlegen
oder gar auf ein Land. Es ist wahr, dass ich auf das Wetter, das Klima und das Licht sehr sensibel reagiere. Und da bedeutet der Süden Sonne! Außerdem liebe ich es, draußen zu arbeiten. Ich habe eine Technik, die dem Trockenprozess meiner Arbeiten entgegenkommt
und ihn beschleunigt.
Michel Archimbaud: Das ist ein wunderschöner Ort!
Pierre Marie Brisson: Es ist ein altes Gebäude, dessen Architektur aus dem letzten Jahrhundert stammt und das ehemals ein Weinkeller war, der jedoch nicht in die Erde eingelassen ist und somit ein interessantes Raumgefühl erweckt. Hier herrscht auch diese
Atmosphäre, die zu meiner Arbeit passt und zu der Freude, an einem Ort zu sein, der gelebt
hat und sozusagen eine Seele besitzt: bröckelnde Wände und Lehmboden. Ich liebe diese Atmosphäre, die man nicht in Paris finden kann. Und ich liebe die Region – die Flachheit der Camargue, das Temperament der Menschen, das ins Rötliche tendiert – nicht zu vergessen die Atmosphäre der Corrida.
Michel Archimbaud: Wie, denken Sie, haben Sie sich in Ihrer Malerei entwickelt? Wie
nehmen Sie diese Entwicklung wahr?
Pierre Marie Brisson: Ich würde sagen, dass sie unkontrollierbar ist. Ein bisschen so, wie man im Rhythmus der Jahre durch das Leben geht. Ich bin kein Hellseher! Die Entwicklung bleibt unkontrollierbar und ich glaube, es ist gut so.
Michel Archimbaud: Auch wenn die Grundlagen und die ursprünglichen Elemente noch immer in Ihrer Arbeit zu finden sind, so kann man doch sagen, dass in der Ausarbeitung eine wahre Entwicklung stattgefunden hat. Es existiert eine wahre Entwicklung. Sind Sie sich
darüber bewusst?
Pierre Marie Brisson: Sicher ist, dass man sich im Laufe der Zeit befreit, selbst ohne es zu wollen und wenn auch nur auf technischer Ebene. Durch das ständige Malen wird man in seiner Praxis gewandter, man setzt die richtigen Akzente bei seinen Gesten ein und das
erlaubt einem, sich befreiter an andere Dinge zu wagen.
Michel Archimbaud: Was erwarten Sie von den Sammlern oder einfacher gesagt von dem
Betrachter?
Pierre Marie Brisson: Vor allem eine spontane Reaktion von Herzen! Auf jeden Fall eine sensitive, fast primitive. Eine fast körperliche Anziehung.
Michel Archimbaud: Sie haben langjährige Erfahrung mit der Malerei und der Zeichnung, Sie verfügen über eine sichere Technik, aber trotzdem ist man dazu geneigt, Ihre Malerei als emotional, primitiv - aber nicht im Sinne von roh und unbearbeitet - einzuschätzen.
Pierre Marie Brisson: Außerhalb meiner Inspiration, die in der Tat ihre Wurzeln in primitiven Kulturen hat, glaube ich, liegt dies auch an den Materialien. Selbst wenn sich die Dinge seit ungefähr zehn Jahren geändert haben. Es gibt viele neue Farben in meinen Bildern. Die Tatsache, in Südfrankreich zu leben, hat mir die Lust gegeben, farbenfreudig zu arbeiten;
dies aber immer in Bezug zu der Idee, die Figuren weiter über die Leinwand spazieren zu lassen. Sie machen nichts weiter als vorüberzugehen, um den Raum zu bewohnen, der als Bestandteil des Bildes nur abstrakt sein kann.
Michel Archimbaud: Haben diese Figuren eine reale Bedeutung? Oder besser gesagt, was
ist am wichtigsten: Die Textur oder die Geschichte, die Sie sich selbst erzählen, bevor Sie sie
erschaffen?
Pierre Marie Brisson: Im Grunde ist die Einfügung der Figur nur ein Element, das den Betrachter des Bildes begrüßen kommt.
Michel Archimbaud: Ich habe den Eindruck, dass die reichhaltigen Hintergründe durch diese unebene, nicht unbedingt glatte, noch ordentliche Textur bedingt sind. Ich erinnere mich, dass Sie dies - während eines Treffens mit Balthus - erwähnten. Die Temperafarben
und die natürlichen Materialien südländischer Herkunft, das korrespondiert wirklich mit Ihrer jetzigen Arbeit.
Pierre Marie Brisson: Ja. Es gibt immer noch diese ungleichmäßige Textur, die matt erscheint und im Begriff ist, zu entstehen oder zu entschwinden. Darum geht es im Grunde! Dazu kommt die Absicht, mich immer wieder den verschiedenen „arts primitifs“ zu nähern, die eine unglaubliche Abstraktionseigenschaft besitzen. Das ist etwas, was nicht in unser Jahrhundert
gehört.
Michel Archimbaud: Seit Ihrer Jugend und deren Inspirationsquellen ist es immer Ihr Konzept geblieben, mit den „arts primitifs“ eine tiefe Verbindung einzugehen?
Pierre Marie Brisson: Das ganze entwickelte sich mit einem einfachen, fast banalen Bild. Wie viele Kinder auch hatte ich eine Affinität zu dem Ursprünglichen: Die geschliffenen Steine, die Cro-Magnon- Menschen, die Höhlenmalereien. Das lässt mich seit dieser Zeit
nicht mehr los. So, als ob ich mich durch die verschiedenen Zeitalter bewegt hätte: Durch die
der Römer, der Etrusker, der Griechen.
Michel Archimbaud: Wie wählen Sie Ihre Bildformate aus?
Pierre Marie Brisson: Ich habe eine fast körperliche Beziehung zur Malerei. Das ist sehr wichtig für mich. Die Wahl des Formates hängt von meiner Lust auf die Gestik ab, ob sie weit ausladend oder gründlich und sorgfältig sein soll. Wenn man an etwas extrem Kleinem
arbeitet, kann man zu einem Moment der Frustration gelangen und auf einmal Lust haben, diese Akribie auf einer enormen Fläche zu zerstören. Genauso kann das Großformat die gleiche Reaktion in die andere Richtung hervorrufen.
Michel Archimbaud: Zu einem bestimmten Zeitpunkt haben Sie Originallithographien gemacht. In den Jahren 89/90 war das große Mode und hat sich dann aber mit dem Einbruch des Kunstmarktes wieder beruhigt. Entsprach dies zutiefst Ihrer künstlerischen Intension?
Pierre Marie Brisson: Ich empfinde die Druckgrafik immer noch als ein spannendes Abenteuer. Letztlich vielleicht auch nur wegen des Verfahrens von Goetz, das es ermöglicht hat, Radierungen anders als auf die klassische Weise umzusetzen.
Michel Archimbaud: Ich glaube, Sie haben eine ganz besondere Beziehung zu einer Werkstatt. Diese Art von Treue ist heutzutage eher selten geworden. Solch ein Ort echter Wärme und des stillen Einverständnisses zwischen dem Künstler und dem Kunsthandwerker.
Pierre Marie Brisson: Ja, es handelt sich um das Atelier Pasnic, rue Pixérecourt, im 20. Arrondissement. Da es sich am Ende einer Einfahrt befindet, sieht man die Menschen von weitem kommen! Es ist ein sehr spezieller Ort. Ja, es ist wahr, dass der bildende Künstler
oft ein einsamer Mensch ist, der auf isolierte Weise arbeitet. Und dort findet die Atelier-Arbeit in herzlicher Umgebung statt mit Menschen, die einen umgeben und anderen, die kurz vorbeischauen. Mit Nicolas und Pascal, die das Ganze dirigieren! Man geht dort hin zum Teil, weil es einen beruhigt, und auch, um ein bisschen zu sehen, was die anderen Künstler so
machen. Zwischen den beiden Inhabern existiert eine alte Freundschaft von über 20 Jahren, deren Harmonie es ermöglicht, viel Energie für unsere Arbeit freizugeben.
Michel Archimbaud: Matta hat bei ihnen gearbeitet, nicht wahr?
Pierre Marie Brisson: Ja, und vor allem Coignard, aber auch Pincemin, Michel Haas und viele andere. Jeder hat jedes Mal eine adäquate Technik für seine Arbeitsweise gefunden.
Michel Archimbaud: Und die Radierung?
Pierre Marie Brisson: Es gab eine Zeit, in der ich sehr viele Radierungen gemacht habe,
und ich hatte fast den Eindruck, es wären zu viele. Es entstand eine Art Verschleiß und
ich musste zur Malerei zurückkehren. Erst kürzlich habe ich wieder angefangen zu radieren
und währenddessen habe ich neue Methoden gefunden. Das hat auch neuen Eifer bei mir
ausgelöst.
Michel Archimbaud: Hat die Radier-Akademie von Goetz Ihre Malerei wesentlich beeinflusst?
Pierre Marie Brisson: Das ist so wie bei der Sache mit den Klein- und Großformaten. Das Radieren ist ein Element, das, wie z.B. auch die Bildhauerei, zur Welt des Schöpferischen gehört. Zu einem bestimmten Zeitpunkt kann die Radierung etwas zur Malerei beitragen und sie bereichern. So wie die Malerei das auch mit dem Radieren tun kann. Die Gemeinsamkeit
und Komplementarität zwischen diesen verschiedenen Techniken erlaubt es einem, sich weiter zu entwickeln. Da ich mir persönlich eine Technik mit wenigen Zwängen erarbeitet habe, gibt mir das eine größere Freiheit für das Radieren.
Michel Archimbaud: Ich erinnere mich an ein Mozart- Triptychon. Ich habe den Eindruck, dass die Beziehung Mozart/Brisson, Musik/Malerei eine ergiebige Gegensätzlichkeit kultiviert. Diese Musik ist allem Anschein nach ebenmäßig, Sie haben ihr mit rauen und ungemütlichen Materialien Ehre erwiesen. Insbesondere denke ich an die Hochzeit des Figaro. Aber die
andere Inspirationsquelle bezieht sich auf Ihre „Orleans- Jugend“ und Ihre Verbindung zu dem Musiker Reinhardt Wagner, also auch und vor allem zum Jazz.
Pierre Marie Brisson: Ja, außer mit der klassischen Musik, den Requiems, der Alten Musik und auch wieder mit der primitiven Stammesmusik, woher sie auch komme, bin ich ebenfalls mit dem Jazz des alten Orleans in Berührung gekommen! Diese Musik vereint die Menschen. Sie erlaubt Einzelgängern wie mir, etwas mit anderen zu teilen. Da ist es übrigens egal, ob
diese Musiker, Schriftsteller oder etwas anderes sind. Die Welt des Jazz hat mich sehr in meiner Arbeit stimuliert.
Michel Archimbaud: Um noch einmal auf den Gedanken der isolierten Arbeit zurückzukommen: Verhindert Ihre Entscheidung, im Süden zu leben, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen? Ist Ihnen dies wichtig? Fehlt Ihnen das? Kurzum, wie funktionieren Sie in Bezug auf
Ihre Umwelt?
Pierre Marie Brisson: Strikt auf meine Arbeit bezogen, würde ich sagen, dass ich das nicht brauche, außer, wenn ich ein momentanes Bedürfnis empfinde, eine „Runde“ zu machen, Ausstellungen zu besuchen, Freunde zu sehen usw. Und dann kehre ich dessen überdrüssig für eine lange Periode in meine Stille zurück. Tatsächlich ist das Ganze aus emotionalen
Gründen wichtiger als aus anderen Motiven. Sich von Freunden umgeben zu fühlen - selbst aus der Entfernung - ist natürlich eine angenehme und wichtige Sache, wie z.B. meine Beziehung zu meinem Freund, dem Musiker Khalil Chahine. Wir beide haben einen sehr anregenden Austausch.
Michel Archimbaud: Sie haben als künstlerischer Berater an einem Fiktionsfilm teilgenommen. Zieht der Film Sie an oder ist er ein zu verschiedenes, zu anekdotisches
Universum für Sie?
Pierre Marie Brisson: Das ist etwas, das mir gefällt und das ich gern getan habe. So fesselnd übrigens, dass es gefährlich sein kann! Film ist im Gegensatz zur Malerei eine Welt, in der man permanent von Menschen umgeben ist. Die Art der Arbeit, des Aufbaus ist vollkommen anders geartet. Die Fiktion, an der ich teilnahm, war von einem jungen Filmemacher realisiert
worden, der von dem “Institut des Hautes Études Cinématographiques (IDHEC) Pierre Sullice“, einer französischen Filmhochschule, kam. Und das Thema war die Malerei. Eine schöne Erfahrung! Ich musste Magie in die Wirkung meiner Bilder bringen, Bilder, die ich
während der Dreharbeiten malte.
Michel Archimbaud: Ihre Bilder und deren raue Textur verleiten dazu, sie zu berühren. Hat Sie die Bildhauerei noch nie gereizt?
Pierre Marie Brisson: Ich habe einige Skulpturen gemacht, aber wirklich im Verborgenen.
Ich habe sie noch nie gezeigt! Es ist wahr, dass ich am Projekt einer Skulpturenausstellung
arbeite, aber ich bin noch nicht so weit.
Michel Archimbaud: Liegt Ihnen die Bildhauerei seit langem am Herzen?
Pierre Marie Brisson: Seit sehr langer Zeit habe ich das Bedürfnis, zur Form, zum Volumen
zu gelangen. Das ist ziemlich schwierig, selbst wenn die Malerei und die Bildhauerei sich
nahe sind, bleiben sie doch letzten Endes zwei verschiedene Dinge. Es ist seltsam, ich habe
das Gefühl, dass die Bildhauerei mich weit bringen kann, an einen anderen Ort, und ich habe
Angst zu verlieren, was ich besitze.
Michel Archimbaud: In der dreidimensionalen Welt haben Sie noch eine andere Erfahrung
gewagt.
Pierre Marie Brisson: Ich bin ein wenig mit der Welt der Haute Couture in Berührung
gekommen, indem ich für die großen Modeschöpfer „Lecoanet Hemant“ gearbeitet habe. Ich
habe - von Schuhen bis zu Ohrringen - Accessoires entworfen. Sie vertrauten mir auch den
Entwurf von Westen an. Das war eine sehr angenehme Erfahrung.
Michel Archimbaud: Ist Ihnen der Gedanke an das Theater und die Lyrik schon in den Sinn
gekommen?
Pierre Marie Brisson: Schlimmer, er verfolgt mich! Ich glaube, das schönste Geschenk, das man mir machen könnte, wäre, mir ein Theater- oder Ballettbühnenbild anzuvertrauen. Und die Idee, ein Opernbühnenbild zu realisieren, ist der absolute Traum! Ein wunderbares Mittel, um Malerei und Skulptur, Volumen und Farben, Materie und Bewegung zu vereinigen.